MediGay-News: Juli 2010 MEDIGAY, der Schweizerische Zusammenschluss schwulen-und lesbenfreundlicher Gesundheitsfachleute (www.medigay.ch), organisiert 2010 eine Reihe von Veranstaltungen zum Thema „lesbischwule Gesundheit“. MEDIGAY stellt Projekte und Einzelfachleute vor, die das Thema „lesbischwule Gesundheit“ im weitesten Sinne fördern. Die Medigays erhoffen sich dadurch eine aktivere Vernetzung untereinander und lebhafte Diskussionen innerhalb und ausserhalb der „Community“.
Die viere Veranstaltung der Reihe ist:
Focus Refugees (eine Arbeitsgruppe von Queer AI) stellt sich vor am 26. Oktober 2010 Nähere Angaben folgen -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Rückblick: die dritte Veranstaltung der Reihe war: „Lesbenberatung per Telefon und Internet“. – Fachfrauen der HAZ-Lesbenberatung und der Rainbowgirls erzählen von ihrer Beratungsarbeit. Die „Lesbenberatung“ arbeitet seit 2004 unter dem Dach der HAZ und ist dem Verband der Rainbowline angeschlossen. Sie bietet Beratung an für Fragen rund ums lesbische, bisexuelle oder trans Leben: per Telefon, Mail oder auch face-to-face. Die Lesbenberatung setzt sich aus einem Team freiwilliger Mitarbeiterinnen zusammen. Sandra Kaufmann, Psychologin, leitet die Lesbenberatung seit 2 Jahren. Sie spricht über Wirkfaktoren von Email Beratung als (relativ neues) Beratungsmedium. Den Auftrag und die Arbeitsweise der Lesbenberatung schildert sie anhand von Beispielen aus dem Beratungsalltag. „rainbowgirls.ch“ bietet seit 2001 Information und Beratung für junge lesbische und bisexuelle Frauen an. Bisher sind 1064 persönliche Anfragen per Email beantwortet worden. "Ich hab euch schon mal geschrieben und finde diese Seite echt Klasse", ist eine der vielen Rückmeldungen, die die Betreiberinnen von rainbowgirls.ch in ihrem Engagement bestärken. Die Projektleiterin, Franciska Keller stellt das Angebot vor und geht anhand eines Beispiels näher auf das Konzept der Email-Beratung bei rainbowgirls.ch ein. „Der Trend geht zum Internet“. Lesbenberatung per Telefon und Internet – Fachfrauen der HAZ-Lesbenberatung und rainbowgirls.ch erzählen von ihrer Beratungsarbeit. Ein Medigay-Vortrag von Sandra Kaufmann und Franciska Keller am 29.6. 2010 in der HAZ. „Der Trend geht zur Mail-Beratung“, zieht Sandra Kaufmann, Psychologin und Leiterin der sechsköpfigen Lesbenratungsstelle der HAZ ein Fazit, „Telefonate sind bei uns rückläufig“. Obwohl es in den eigenen Reihen anfangs auch Bedenken gegen die anonymisierte Beratung per Internet gegeben habe, könne niemand darüber hinwegsehen, dass sich dieses Medium inzwischen in der Lesbenberatung durchgesetzt habe. Die Vorteile liegen auf der Hand: Frau kann anonym bleiben, oder so viel von sich preisgeben wie sie mag, es können rund um die Uhr Fragen gestellt werden, frau ist geografisch unabhängig, und sie kann den Kontakt jederzeit beenden, wenn es ihr nicht mehr gefällt. Für Franciska Keller, Sozialarbeiterin und Gründerin des Internetportals rainbowgirls.ch war die Unabhängigkeit von Ort- und Zeit ausschlaggebend für den Entscheid, über das Internet Mädchen und jungen Frauen Information und Beratung anzubieten. Das Medium hat Tücken und Vorteile: „Die Verantwortung für den Kontakt liegt bei der Mailschreiberin. Damit eine Beratung stattfinden kann, muss die Jugendliche sich über ihr Problem bewusst sein und sich entschieden haben, sich damit auseinanderzusetzen. Sie hat den Computer gestartet und ihr Anliegen in Worte gefasst. Diese Sozialkompetenz ist in der Mail-Beratung stark spürbar.“
Sandra Kaufmann ergänzt: „Beim Aufzeigen der Kompetenzen können die Beraterinnen ansetzen, bestätigen, wertschätzen, und je nach Fall ziel- oder prozessorientiert weiter beraten. Sie können die Rat Suchende auch coachen, zum Beispiel, wenn es um einen Coming-out-Prozess geht. So kann frau einer Beraterin im Hintergrund die einzelnen Schritte mitteilen, und diese ermutigt immer wieder – eine grosse Unterstützung.“ Franciska Keller führte durch die Website der www.rainbowgirls.ch, die schon allein auf stehenden Buttons viele Informationen bietet. Dennoch wird auch die persönliche Beratung gern genutzt – über 1040 Anfragen sind seit der Gründung vor neun Jahren bei rainbowgirls.ch eingegangen. Die Beraterinnen antworten nach einem Vier-Schritte-Konzept. So gehen in einer Beratung oftmals viele Mails hin und her, und diese erlebt manchmal sogar Jahre später noch eine Fortsetzung. Die jüngste Benutzerin war übrigens zwölf Jahre alt. Die anonymisierten Anfragen würden auch ausgezeichnetes Material für eine Forschungsarbeit abgeben, betont Franciska Keller, Die Frauen der Luzerner Lesbenberatungsgruppe Lilaphon hatten ihren „Betriebsausflug“ kurzerhand nach Zürich verlegt, um an dem Abend teilzunehmen. So tauschten sich an diesem Abend mehrere Lesbenberatungsfrauen live aus. Die Lilaphon-Frauen ergänzten: Inzwischen gebe es auch wieder eine Gruppe von Frauen, denen das Internet sehr wohl zugänglich sei, die aber trotzdem bewusst das Beratungsgespräch per Telefon suchten, da es viel persönlicher erlebt wird. Dies seien meist Frauen in der Lebensmitte, die sich „aus heiterem Himmel“ in eine Frau verliebt hätten. Interessierte Fragen aus dem übrigen Publikum bereicherten und belebten den Abend, der mit einem gemütlichen Apero an der Bar ausklang. Angelika Schneider ----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Die zweite Veranstaltung der Reihe war:
„Homosexualität und Gestalttherapie in Theorie und Praxis“. Vortrag von Gestaltpsychotherapeut Urs Stauffer. Wenn von Psychotherapie die Rede ist, ist auch heute noch bei Lesben, Bisexuellen und Schwulen berechtigte Skepsis angesagt. Es empfiehlt sich immer noch, einen künftigen Psychotherapeuten, oder eine Psychotherapeutin auf die gay-affimative Haltung hin abzuklopfen, bevor man sich auf eine Beratung oder Behandlung einlässt. Unschöne Beispiele bestimmter Psychotherapierichtungen sind bekannt, wo Homosexualität „wegtherapiert“ werden sollte. Weniger bekannt ist, dass die Gestalttherapie eine Psychotherapie ist, die bereits von ihren Anfängen in den 50er Jahren her in Theorie und Praxis „gay-affirmativ“ war, freilich, ohne das damals so zu nennen. Neben Fritz und Laura Perls gab es Mitgründer der Gestalttherapie, die, wie beispielsweise der New Yorker Literat, Sozialkritiker und Pazifist Paul Goodman, bisexuell waren; oder wie der Psychotherapeut Daniel Rosenblatt, der offen schwul lebte und im New York der 70er Jahre erste Therapiegruppen speziell für schwule Männer anbot. So war und ist es nicht erst seit heute für die Gestalttherapie kein Widerspruch auch lesbischwule PsychotherapeutInnen auszubilden. Urs Stauffer berichtet in seinem Vortrag, wie er mit seinem gestalttherapeutischen Hintergrund mit schwulen und lesbischen KlientInnen therapeutisch arbeitet und wie die Gestalttherapie zum Verständnis von spezifischen Problemen und Fragestellungen homosexueller KlientInnen (Coming-Out, Homophobie) beitragen kann. „Schwulsein an sich ist ja kein Problem“ – Gestalttherapie und Homosexualität. Ein Medigay-Vortrag von Urs Stauffer Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, so konzentriert lauschte das Publikum dem von MediGay eingeladenen Gestaltpsychotherapeuten Urs Stauffer. Er schaffte es, den Zuhörenden Grundlagen der Gestalttherapie vorzustellen und mit Beispielen aus seiner Praxis anzureichern. Das allein war schon ein Kunststück, denn die Gestalttherapie ist erfahrungsbetont, man muss sie eigentlich erleben, sie lässt sich nur schwer über „Grundsätze“ oder „Techniken“ vermitteln. Die Gestalttherapie ist nämlich weniger eine Therapie als eine Philosophie, eine Weltsicht, eine Grundhaltung. Eine dieser Haltungen ist allerdings die, dass nicht der Therapeut dem Klienten sagt, „warum er so (problematisch) geworden ist, wie er ist“, sondern eher zur Frage anleitet „Was mache ich mit dem, was ist, im Hier und Jetzt?“ So wird nicht unnötig in der Vergangenheit gegraben, sondern es werden Handlungsperspektiven erweitert. Denn Homosexualität an sich ist ja kein Problem, jedenfalls nicht, nach Ansicht der Gestalttherapie. Das Gründerehepaar Fritz und Lore Perls, beide ausgebildete Psychoanalytiker, grenzten sich in den 50er Jahren mit ihrer Gestalttherapie von der Psychoanalyse ab. Sie entstammten dem kosmopolitischen und homosexuellenfreundlichen Berlin der 20er und 30er Jahre, flüchteten als jüdische Intellektuelle vor den Nazis nach Südafrika, dann nach New York, wo sie die Gestalttherapie in Theorie und Praxis verbreiteten. Einer der ersten Mitstreiter war der 1911 geborene Sozialkritiker und Literat Paul Goodman, der offen bisexuell lebte. Weitere direkte Schüler und Vertraute von Laura Perls waren Isadore From, der offen schwul lebte und Daniel Rosenblatt. Dieser gründete in den späten 60er Jahren die ersten Psychotherapiegruppen speziell für schwule Männer, die er gut zwanzig Jahre lang fortführte. Obwohl das Thema Homosexualität von Anfang präsent war, wurde es aber in der Theorie nicht speziell thematisiert. Urs Stauffer führt das darauf zurück, dass man sich von der Psychoanalyse abgrenzen wollte, die die Homosexualität pathologisierte, und es teils bis heute noch tut. So war für PsychotherapeutInnen damals schon allein die offen gelebte Bi- und Homosexualität ein starker emanzipatorischer Akt. Es verwundert somit auch nicht, dass in den Ausbildungsinstituten der Gestalttherapie Lesben und Schwule überdurchschnittlich gut vertreten sind. Eine theoretische Verarbeitung gab es aber erst ab dem 1998 erschienenen Buch von Daniel Rosenblatt „Zwischen Männern“, in dem er seine Erfahrungen in den Schwulengestaltgruppen beschreibt. Ein Buch über Therapie mit lesbischen Frauen steht noch ganz aus. Der überaus packende Vortrag trug viele Gestaltelemente ins sich: Denn die Ausflüge in die Praxis berührten die Anwesenden tief, bei dem ein oder anderen Beispiel musste jemand schlucken, oder seufzte vernehmlich; Verbindungen zum eigenen Erleben wurden bewusst. So war der Vortrag letztlich doch ein richtiges Erlebnis und keine trockene Wissensvermittlung: Laura und Fritz hätten ihre helle Freude dran gehabt! Beim anschliessenden Apero mit dem Referenten und den anwesenden MediGay-Mitfrauen und -Männern gab es noch guten Wein und angeregte Gespräche. Der angenehme Abend macht neugierig auf mehr von der Gestalttherapie und mehr von den MediGays. So ist auch eine dritte Veranstaltung bereits angesetzt: Dienstag, 29.Juni, 19.30 Uhr, HAZ, „Lesbenberatung per Telefon und Internet“. Fachfrauen der HAZ-Lesbenberatung und der Rainbowgirls erzählen von ihrer Beratungsarbeit. Angelika Schneider ---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Die erste Veranstaltung der Reihe war:
Lesben und Schwule in der Schule“ – Die Gruppe GLL (Gleichgeschlechtliche Liebe leben) stellt ihre Arbeit vor. Seit gut zehn Jahren geht die Gruppe GLL auf Anfrage in Schulen (und Jugendorganisationen) und bringt das Thema gleichgeschlechtliche Liebe in den Unterricht ein. Jeweils eine Lesbe, ein Schwuler und ein Elternteil eines homosexuellen Kindes erzählen aus ihrem Leben, diskutieren übers Anderssein und stellen sich den Fragen der Schulklasse. Wie wichtig das auch heute noch immer ist, damit „ schwul“ und“ lesbisch“ auf dem Schulhof keine Schimpfwörter mehr sind und homosexuelle Jugendliche nicht in Selbstzweifel und Depressionen versinken, zeigt diese Veranstaltung. Die schwule Sau im Klassenzimmer – GLL in Aktion bei MediGay Den Reigen der Vernetzungstreffen eröffnete, gekonnt moderiert von der MediGay-Kinesiologin Silvia Nowak, die Gruppe GLL (Gleichgeschlechtliche Liebe leben). Am 23. Februar gaben in der HAZ Zürich Tanja Kalin und Ruben Ott, stellvertretend für das GLL-Team, eine kleine Kostprobe ihrer engagierten und mutigen Aufklärungsarbeit mit Jugendlichen. Die Gruppe GLL sind Männer und Frauen, die auf Anfrage in einer Schule eine Unterrichtseinheit gestalten, oder auch eine Jugend- oder Kirchengemeinde besuchen. Eine Lesbe, ein Schwuler und ein Elternteil eines Homosexuellen stellen sich den Fragen einer Schulklasse. Sie informieren und erzählen ihre eigene Coming-out-Geschichte, die meist in atemloser Stille angehört wird. Und sie lassen sich auch ganz persönliche Fragen stellen, denn sie wollen für die Jugendlichen Lesben und Schwule „zum Anfassen“ sein. Ob das nicht manchmal schwierig sei, kommt eine Frage aus dem beeindruckten Publikum der MediGays. „Natürlich gibt es klare Regeln für die Jugendlichen!“, sagt Tanja Karlin. „Erstens: Sie dürfen uns duzen. Zweitens: Niemand wird ausgelacht. Drittens: Wir entscheiden, ob wir die Fragen beantworten. - Also, Fragen über meine sexuellen Vorlieben beantworte ich nicht“, meint die frischgebackene Apothekerin lachend. Und ihr Kollege Ruben Ott, Grundschullehrer in spe, fügt hinzu: „Meist können wir derartige Fragen aber so beantworten, dass das, worum es geht, erklärt wird, ohne Intimitäten preiszugeben.“  Die anwesenden Gesundheitsfachleute von MediGay waren voller Bewunderung für die engagierte Arbeit der jungen KollegInnen. Denn schliesslich fängt die lesbischwule Gesundheit bei der Prävention an. „Noch immer ist die Suizidrate bei homosexuellen Jugendlichen viermal so hoch wie bei hetereosexuellen“, sagt Tanja Karlin, was der anwesende Oberarzt der Psychiatrischen Uniklinik, David Garcia, nickend bestätigt. Ein englischer Psychotherapeut zeigt sich ergriffen von der Arbeit der GLL. Er wünsche sich solches auch in seiner Heimat. Und er frage sich, wie man es nur anstellen könne, weniger Unterdrückung und Abwertung von Homosexualität in der Heimerziehung zu verwirklichen. Er habe das Gefühl, dass die Lehrerinnen und Lehrer den Heimpädagoginnen und Heimpädagogen hier weit voraus seinen. „Ich habe heute gelernt, dass Homosexuelle auch nur Menschen sind“, zog ein Schüler Bilanz nach einem Schulbesuch der GLL. Und eine Oberstufenlehrerin schrieb: „Für die Schülerinnen und Schüler war es wichtig, zu sehen, dass hinter der Homosexualität Menschen stehen, die genauso sind wie allen anderen. Ich bin begeistert.“ Dem können sich die MediGays nur anschliessen und wünschen dieser engagierten Truppe weiterhin viele öffentliche Auftritte. Angelika Schneider ----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- September 2008 Die MediGay konstituiert sich neu als Fachgruppe von PinkCross und LOS Die Lesbenorganisation Schweiz LOS und die Schweizerische Schwulenorganisation PINK CROSS haben MediGay als gemeinsame Fachgruppe aufgenommen. Wir sind überzeugt, dass die Vernetzung der Medizinfachpersonen für die lesbischwulen Interessen in der Schweiz weiterhin wichtig ist. Vorteile des Status als Fachgruppe: • die Aktiven werden von der Administration entlastet • die statuarisch vorgeschriebene Vereinsbürokratie entfällt • die Zukunft von MediGay ist gesichert. Professionals aus der Medizin mit Interesse an Mitarbeit in der Fachgruppe (Stichworte: Beantwortung von Fachfragen, Konzept lesbischwule Gesundheit etc.) sind herzlich eingeladen ein Mail an uns zu schreiben: info@medigay.ch Bitte beachtet die neue Adresse: Fachgruppe MediGay - Postfach 7512 - 3001 Bern - PC 80-74157-7
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